BRIGITTE-DOSSIER - Singles

BRIGITTE Heft 21-2012 - Single-DossierBRIGITTE-DOSSIER “Warum ich jetzt gern Single bin” aus Heft 21/2012 - Eine Beziehung holt nicht immer das Beste aus uns heraus, findet Susanne Kaloff

 

...eigentlich hatten wir die Reise nach New York zu dritt geplant, aber dann flog ich mit meinem 15-jährigen Sohn eben allein. Als Single. Ein Zustand, der sich anfangs anfühlte wie eine starke Grippe. Am dritten Tag wurden die Symptome schwächer, am vierten kam das Gewitter. Und die Erkenntnis, dass jetzt ein neuer Lebensabschnitt begann. Halleluja! Wollte ich nicht schon immer mal hier leben? Noch mal von vorn anfangen, etwas riskieren, mutig sein? Ich lief durch diese Stadt und erinnerte mich an mich, an eine Version von mir, an eine Zeit, von der ich viele Jahre glaubte, sie käme niemals wieder: meine Jugend. Das Gefühl, selbst im tiefsten Schmerz lebendig zu sein, ist eines der größten. Ich saß im Central Park, und auch wenn ich mich daran erinnerte, was hinter mir lag, sah ich vor allem, was vor mir lag: Freiheit. Freiheit ist das höchste Gut des Menschen, aber das vergisst man ja oft in einer Beziehung. Man macht sich abhängig vom anderen, macht sich selbst klein. Und irgendwann steht man im Supermarkt und telefoniert vor dem Kauf einer Flasche Rotwein mit seinem Mann. Doch lieber Weißwein? Nicht, weil man entscheidungsunfähig ist, sondern weil man ein Wir ist. So kuschelig dieses Wir auch sein kann, manchmal bringt es nicht das Beste im Menschen zum Vorschein. 

Seit ich Single bin, bin ich interessanterweise größer geworden im Inneren, stärker, stabiler. Vielleicht, weil die Trennung und das Alleinsein mich zwangen, über mich hinaus zu wachsen. Dazu kann man sich durchaus gratulieren. Es ist egal, wie man sich und sein Alleinsein feiert. Entscheidend ist, dass man Visionen hat und spürt, was einem gut tut. Zum Beispiel das: einfach mal ein ganzes Wochenende im Bett zu bleiben, anstatt sich am Samstag mit dem Partner an der Wursttheke zu zerfleischen. Oder in Unterhose zu “Do It Like a Dude” von Jessie J vor dem Spiegel zu tanzen, anstatt als Paar davor zu stehen und sich gegenseitig zu beobachten, wie man die Zahnseide benutzt.


Unsere Gesellschaft braucht Singles - denn sie können einiges besser als Paare. Was genau, erklärt der Soziologe Prof. Stefan Hradil.
 
BRIGITTE:
Herr Hradil, mich nervt, dass die Frage “Warum lebst du in einer Partnerschaft?”...

STEFAN HRADIL:
...einem nie gestellt wird.

Genau! Singles aber müssen sich immer noch erklären! Warum?

Weil Singles unsere Freiheits-Sehnsüchte berühren. Sie sind diejenigen, die schalten und walten können, wie sie es wollen. Andererseits fehlt ihnen etwas. Wir erleben sie auch als einsam und traurig. Singles sind deshalb für die Hoffnungen und für die Ängste, die Menschen haben, eine Projektionsfläche. Aber Singles laden auch zum Bewerten ein.

Warum?

Das emotionale Gleichgewicht vieler Singles ist schwankend. Der Weg von himmelhoch jauchzend zu zum Tode betrübt ist kurz. Dieses Pendeln wird gesehen und bewertet, denn Single-Sein ist eine Phase im Leben, die fast alle von uns kennen oder noch kennen lernen werden. Das heißt aber auch: Die überwiegende Mehrzahl der Singles lebt nur zeitweise so.

Trotzdem steigt die Zahl der Singles seit Jahren, jeder fünfte Deutsche lebt allein. Vor 20 Jahren waren es nur 14 Prozent.

Ja, es gibt immer mehr Menschen, die ohne Partner leben. Es ist aber auch wichtig, Alleinlebende nicht mit Singles gleichzusetzen - einige führen Fernbeziehungen oder genießen die Freiheiten einer eigenen Wohnung. Die meisten wirklichen Singles halten das nicht für die ideale Lebensform, da sind alle Befragungsergebnisse eindeutig. Mit Begriffen wie “gern” oder “glücklich” wäre ich deshalb vorsichtig, denn viele geraten nicht wirklich freiwillig in diese Situation. Klar ist aber, dass sie, allein durch ihre Anzahl, unsere Gesellschaft verändern.

Was macht diese Vereinzelung mit unserer Gesellschaft?

Ein gängiges Vorurteil ist ja, dass Singles oder Alleinlebende egoistisch sind und keine Kinder wollen. Aber Singles haben natürlich auch Kinder, schließlich wird inzwischen fast jede zweite Ehe geschieden. Und Singles und Alleinlebende helfen unserer Gesellschaft sehr wohl - sie zahlen Steuern, sind gute Konsumenten und sie leisten Beziehungsarbeit.

Beziehungsarbeit? Wie das?

Gemeint ist damit, dass Singles und Alleinlebende soziale Kontakte brauchen wie das tägliche Brot. Deshalb investieren sie viel Zeit und Mühe in die Pflege von Beziehungen. Man kann das egoistisch nennen. Aber es geht dabei nicht nur um die beste Freundin oder gute Kumpels. Viele Singles engagieren sich, etwa in Ehrenämtern, Netzwerken oder Bürgerinitiativen. Ohne sie würde ein Stück Bürgergesellschaft fehlen. Es ist deshalb ein Trugschluss, dass eine Gesellschaft, die stärker auf Individuen abzielt, egoistisch ist.

Wie verändern Singles darüber hinaus unsere Gesellschaft?

Singles haben schlicht andere Bedürfnisse. Für einen Single ist zum Beispiel ein Auto eine Geldverschleuderungsmaschine. Also sucht er nach anderen Lösungen wie Carsharing. In diesem Fall entstehen neue Gemeinschaften. Diese sind vielleicht labiler und verändern sich häufiger im Leben. Sie sind aber selbst gewählt. Oder die Supermärkte - es gibt kleinere Packungen und spezielle Produkte, etwas Fertiggerichte. Die Gastronomie profitiert ebenfalls von den Singles, Reinigungen auch, oder Reiseveranstalter mit Single-Reisen usw.

Wie sieht die Single-Zukunft aus?

Ihr Anteil wird zunehmen, ich sehe keine Umkehr. Schwierig ist, dass diese Lebensform nicht altersfest ist. Aber es gibt Lösungsansätze - Wohnmodelle für Ältere, Nachbarschafts-Netzwerke. Das ist auch notwendig. Denn wir werden dies nur über zivilgesellschaftliche Hilfe lösen können.

Und das Gute?

Die Freiheit. Singles sind selbstbewusst. Sie setzen ein Zeichen - wir können unser Leben so gestalten, wie wir es wollen.

 

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